Der Nullzinslotse geht von Bord0

Wertpapiersparer und Häuslebauer konnten sich freuen, Zinssparer schauten in die Röhre. Unter Mario Draghi waren Freud und Leid recht unterschiedlich verteilt. Jetzt geht der EZB-Lotse von Bord. Doch sein Werk – die Nullzinsen – wird bleiben.

„Draghi hat polarisiert: in Deutschland wird er für die Nullzinsen kritisiert, in Italien für eine zu strenge Bankenkontrolle. Wer so viele Gegner hat, muss wohl etwas richtig gemacht haben“, sagt Dr. Ulrich Kater. Die Wahrheit liegt für den Chefvolkswirt der Deka in der Mitte: „Auch ohne Draghi wären die Zinsen nahe Null, denn es gibt auf der Welt zu viel Erspartes, das drückt global auf den Zins.“

„Whatever it takes“, mit diesem mittlerweile historischen Satz legte Draghi am 26. Juli 2012 das Fundament für die Rettung des Euros. Seitdem sorgt die EZB dafür, dass das Geld an den Märkten nicht knapp wird – und die Zinsen im Keller sind. „Die Radikalität, mit der die EZB unter Mario Draghi auf die Herausforderungen der Finanz- und Eurokrise reagiert hat, war richtig“, so Dr Kater. Hier habe er durch entschlossenes Handeln den Euro tatsächlich gerettet – doch danach mit seinen Instrumenten überzogen. „Derart stark negative Leitzinsen hätten es nicht sein müssen, auch Anleihekäufe sind nur sinnvoll, wenn sie zeitlich begrenzt bleiben.“

Nach der Diagnose der Deka-Volkswirte hätten sich die makroökonomischen Mechanismen der Weltwirtschaft inzwischen verändert. Die Geldpolitik müsse sich generell fragen, wie sie auf dieses veränderte Umfeld, in dem ihre Instrumente deutlich schlechter als früher funktionieren, reagieren solle: „Die EZB hat zwar die Stürme der letzten acht Jahre erfolgreich überstanden, aber jetzt muss sie ins Trockendock“.

Anleger, die jetzt auf die Rückkehr vermeintlich guter, alter Zinszeiten warten, dürften aber enttäuscht werden – denn die Inflation bleibt niedrig, Handelsstreitigkeiten bedrohen weiter die Wirtschaft und in der Euro-Zone ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf immer noch niedriger als vor der Finanzkrise. „Mit nennenswerten Zinsen dürfte vor der zweiten Hälfte der 20er-Jahre nicht zu rechnen sein“, sagt deshalb auch Ulrich Kater. An Aktien wird also auch unter Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde kein Weg vorbeiführen.

 

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